Der Weg ist das Ziel, nicht das Ankommen!
Sobald man auf die Idee kommt, eine Fernwanderung zu machen, ist der erste "Schock" die Entfernung. Mehrere hundert Kilometer zu Fuß zu laufen, das möchte erstmal mental verarbeitet werden. Was mir dabei hilft, ist das herunterbrechen auf Tagesetappen. Nehmen wir mal den Klassiker Camino Frances, von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Santiago sind es gut 800km. Es stellt sich natürlich die Frage, schaffe ich das überhaupt? Schiebe diesen Gedanken aber schnell beiseite. Die Motivation beim Pilgern ist nicht in erster Linie das Ankommen, sondern der Weg ist das Ziel. Die Frage, die man sich eher stellen soll, lautet, wieviel Zeit nehme ich mir? Wenn ich mir nur 4 Wochen Zeit nehme, muss ich 200km pro Woche, also 28,5km jeden Tag laufen. Bei 6 Wochen sind es nur noch lockere 19km proTag. Dieses einfache Rechenbeispiel hilft mir, meinen `Control-Mind´ in Zaum zu halten. Fast täglich wieder erwische ich mich bei dem Gedanken, wieviel Kilometer ich heute "erst" geschafft habe, wieviel noch vor mir liegen und wieviel es bis zu meinem geplanten Ziel sind.
Der einzige Stress den du hast, ist der, den du dir selbst machst!
Es gibt Tage, an denen ich derart motiviert bin, dass ich trotz meines Marschgepäcks 30km laufe, an anderen Tagen bin ich froh, wenn ich nach 15km meinen Rucksack auf die Wiese werfe. Wenn ich jeden morgen daran denken müsste, dass ich heute xy Kilometer laufen muss, weil ich mich in irgendeiner Herberge angemeldet habe ... nicht mein Ding. Womit ich wieder bei meinem "Preis der Freiheit" bin. Als klassischer Morgenmuffel brauche ich meine Zeit, um in die Pötte zu kommen. Meist werde ich so gegen 6 Uhr wach. Dann erstmal sich selbst sortieren und Kaffee ansetzen, Wetter checken, gemütlich in Gang kommen, Tagebuch schreiben, Bibelvers lesen, Papa danken, Morgentoilette, meist folgt dann noch eine zweite ... dritte Tasse Kaffee. Proviant kontrollieren, muss ich einkaufen und wenn ja, welche Geschäfte liegen auf dem Weg, bzw wieviel Umweg muss ich einplanen ... Meist bin ich dann zwischen 10 und 11 Uhr soweit, dass ich loslaufen kann. An besonders heißen Tagen, wie ich sie 2022 erlebt habe, sollte es am morgen ein wenig schneller gehen und am Nachmittag eine längere Pause einlegen. Mein Tagesziel liegt bei ungefähr 20km. Habe ich die erreicht, beginne ich mir einen Schlafplatz zu suchen, manchmal muss ich halt noch 5km laufen, um eine geeignete Wiese zu finden, manchmal finde ich schon eher einen schönen Platz ...
Der besondere Status!
Wenn man sich öffentlich dazu bekennt zu pilgern, wird man von vielen Menschen mit einer Mischung aus Anerkennung und Respekt behandelt. Für einen introvertierten Menschen wie mich, ist das Balsam und die beste Therapie. In einem kleinen Supermarkt bekam ich einmal Lebensmittel geschenkt, eine Gruppe junger Menschen lud mich spontan zum Grillen ein, ein Anwohner den ich um Wasser bat, gab mir nicht nur Wasser, sondern auch noch eine Flasche Eis (es war einer der heißesten Tage 2022 wohlgemerkt), einmal wurde ich von einem Bauern beim wilden campieren auf seiner Wiese erwischt. Zuerst bedeutete er mir aufgebracht, ich solle schnellstmöglich meine 7 Sachen packen und verschwinden, als er aber bemerkte, dass ich ein `Compostelle´ also ein Jakobspilger bin, wünschte er mir plötzlich einen schönen Tag und gute Reise und verschwand wieder ...