Pilgern? ... Ich?? ... Bist du bekloppt?!?!
Ja, so habe ich damals, im Jahr 2014 reagiert, als ein guter Freund zu mir sagte: "Andreas, du gehörst auf den Jakobsweg." Bis Dato war ich der Überzeugung, pilgern tun nur "Hyper-Christen", welche die sich ihr Himmelreich verdienen und damit ihren Gott wohlgesonnen stimmen wollen.
Ich hatte zwar kurz zuvor meine Liebe zum (Berg-)Wandern, nach 20 Jahren Couch-Potato, wiederentdeckt, aber das war mir dann doch etwas to much. Und Gott? Naja, der mag ja irgendwo da draußen exestieren, aber so wirklich hatte ich mit ihm nichts am Hut.
Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!
Ich hatte gerade eine schwere Depression hinter mir, begann mein Leben wieder zu ordnen, liebte meinen Job als Kurierfahrer, fing an meine Schulden aufzuarbeiten, kurz gesagt: Das Leben wollte wieder schön werden.
Und dieses kleine Samenkorn, ... `du gehörst auf den Jakobsweg´ ... es keimte langsam, aber unaufhörlich in mir. Ich kaufte mir das Hörbuch von HaPe Kerkeling "Ich bin dann mal weg". Und was soll ich sagen, es zog mich in seinen Bann, skuril aber trotzdem faszienierend. Auf Facebook meldete ich mich in diversen Pilgerforen an und war erstmal ... schockiert! Unter Pilgern hatte ich mir eigentlich Ruhe und Einsamkeit vorgestellt, ein Du und Du mit dir und der spirituellen Welt ... aber das da, das war purer Massentourismus. Der zweite "Kulturschock" folgte, als ich mir das Hörbuch von Paulo Coelho "Auf dem Jakobsweg" anhörte ... Wie bitte? Dieser okkulte Schinken soll tausende dazu inspiriert haben, auf dem Jakobsweg zu laufen? Also mich hätte es eher derart abgeschreckt, dass ich nie wieder einen Gedanken daran verloren hätte! Bei einem Freund viel mir die DVD "Dein Weg" mit Martin Sheen in die Finger. Ein sehr ehrlicher, offener und ergreifender Film, der in mir das Feuer wieder neu entfachte. Kurz darauf hielt ich auch schon meinen eigenen Pilgerpass in der Hand. Aber trotzdem hatte ich noch immer keinen Plan, wann und wie. Neben der Ausrede, ich könne meine 2 Katzen nicht wochenlang allein lassen, stand da mein Job im Weg. Mehr als 2 Wochen Urlaub waren da nicht drin und das Geld reichte geradeso zum Überleben, wie sollte ich mir da eine größere Auszeit gönnen können? Also schien es wohl auch diesem Traum, wie so manch anderem zu ergehen, erstmal auf die lange Bank schieben, bis er irgendwann hinten runterfällt.
Eisberge voraus!
Wie sooft im Leben, wenn man denkt,
man hat nach schweren Turbolenzen ruhiges Fahrwasser erreicht, scheert
das Leben hart nach Backbord. Mein Leben stürzte wiedereinmal wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Meine Freundin trennte sich von mir, auf meiner Arbeitsstelle kam es zu Intriegen und haltlosen Anschuldigungen, meine Schuldenbereinigung platzte und zu guterletzt verstarb mein Kater, der mir in meiner Depression wortwörtlich das Leben gerettet hatte. Ein Scherbenhaufen, der mich fast in den Wahnsinn trieb. Zum Glück nur fast.
In einer schwachen Minute schrie ich aus mir heraus: "Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann hilf mir aus dieser ganzen Schei*e heraus! Dann laufe ich auch den Weg bis nach Santiago!" Tja, was soll ich sagen? Wenn man ganz unten ist dann gibt es nur noch einen Weg ... Aufstehen, Krone richten und weitergehen.
Der Jakobsweg beginnt vor deiner Haustür!
In einem kleinen Café in meiner Straße gab ein junger Mann einen Reisebericht, 5000Km zu Fuß durch Europa. Das war die Initialzündung! Das wollte ich haben! Wie kann man näher an der Natur, am ursprünglichen Pilgerleben sein? Der wahre Luxus liegt im Verzicht.
Einen Trekkingrucksack bekam ich von meinem Bruder geschenkt. Einen Schlafsack erstand ich mir beim Discounter. Gute Wanderschuhe besaß ich bereits, was für mein damaliges Gehalt zwar der pure Luxus war, aber in Turnschuhen springt man nun mal nicht durch die Alpen!
Im Sommer 2018 fand ich eine Anstellung im öffentlichen Dienst. In der irrigen Annahme ich dürfte, wie in der freien Wirtschaft, in den ersten 6 Monaten keinen Urlaub nehmen, sammelte sich natürlich einiges an. Als ich meinen Vorarbeiter fragte, was das maximale wäre, was man hier am Stück Urlaub nehmen könnte ... der Blick, unbezahlbar ... das Limit war also mein Urlaubsanspuch.
Am 26. Mai 2019 begann ich mein Gelübte zu erfüllen ...